Als Kultur- und Kunstliebhaber nehme ich mir des Öfteren vor, Veranstaltungen dieser Art wahrzunehmen. Beispielsweise ein Theaterbesuch. Ich besorge mir regelmäßig die Spielpläne einzelner Bühnen und kreuze mir meine Favoriten an. Hingehen tue ich dann trotzdem nur selten. Entweder verliere ich den Spielplan, verlege ihn oder vergesse die Termine einfach. Passiert. Da macht es sich schon sehr gut, wenn man mit mehreren – am besten einer Busgruppe – zusammenfährt. Es entsteht dann eine Art Pflicht: Der Termin steht, die Fahrt ist bezahlt etc.
So auch vor kurzem: Emilia Galotti in Berlin. Deutsches Theater – aller erste Liga! Die Vorfreude ist groß.
Dass ein Theaterbesuch nicht nur für etwas für Wohlhabende sondern auch für Journalisten ist, freut mich. Nur 6 Euro für eine Karte. Klasse! Und was lese ich auf der Eintrittskarte? Rang. Wow! Da saßen doch früher immer die reichen Reichen. Ich bin begeistert. Meine Vorfreude steigert sich fast ins Unermessliche.
Eine halbe Stunde vor Beginn herrscht im Deutschen Theater in der Albrechtstrasse viel Trubel. Edle Damen und Herren fahren vor, der Chauffeur und die bescheidene S-Klasse düsen wieder los.
Das Haus ist im Inneren knallrot gehalten. Samtwände und auch sonst alles auf alt gemacht. Die Besucher drängeln sich seriös und leicht versnobt an der Garderobe, kaufen sich ein Programmheft, studieren Aushänge über zukünftige Veranstaltungen oder näseln über den Theaterbesuch in Bochum vom vergangenen Wochenende. Ich bin noch immer wie in Trance: Das alles – diese Welt – kostet mich nur 6 Euro ?!
Ein Toilettenbesuch wirft mich dann um Welten zurück. Schnell stelle ich mir die Frage: Deutsches Theater Berlin oder Bundeswehrinstandhaltungskompanie Skopje?". Also ehrlich. Auf den Toiletten roch es nach Opa. Auch von den puffigen roten Plüschwänden ist nicht viel übriggeblieben. Hellgrüne Kacheln sollen dem Theaterliebhaber beim Urinieren begleiten. Ich bin schockiert und verschwinde wieder in die Welt, in der man sich grüßt, ein Glas Sekt trinkt, lacht ...
Den Schildern folge ich rauf zum Rang. Pardon, zum II. Rang. Klingt noch wichtiger! Nur noch wenige Minuten bis zur Aufführung. Sehr schön, denke ich mir so, von oben sieht man die Dinge ja eh viel besser als von diesen Parkettplätzen. Die sind sowieso allgemein überschätzt. In der Reihe angekommen, entdecke ich meinen freien Platz fast am anderen Ende. Resultat: „Ähm, entschuldigen Sie, dürfte ich bitte mal ...?"
Man steht auf, lässt mich durch. Ich setze mich auf meinen weichen Theatersessel und lehne mich zurück – und sehe NICHTS.
Jedenfalls nichts von der Bühne. Ich sitze nahezu gerade an den Aussen-Scheinwerfern, die später einzelne Spots auf die Bühne werfen. Zu Deutsch: Sogar der Beleuchter hat einen besseren Platz als ich ...
Ich hänge mich über die Brüstung", um überhaupt auch nur etwas erkennen zu können. Die Bühne ist kahl, das Stück meiner Meinung nach mittelmäßig. Man zieht sich aus, droht mit Schusswaffen – na ja, modernes Theater eben. Ich bin natürlich trotzdem bestrebt möglichst viele Details aufzunehmen. Leichte Rückenschmerzen nehmen mir die zunächst herrschende Euphorie. Mir ist langweilig. Ich lehne mich zurück.
Im I. Rang entdecke ich einen älteren Herrn, der so wirkt, als würde er schlafen, direkt daneben die Operngläser-Fraktion. Hinter mir schnaubt ständig jemand. Wenigstens wartet er die Stellen ab, in der man mit Musik versucht, eine Dramatik aufzubauen. Ich schaue meinem Nachbarn auf die Uhr. Noch eine Viertel Stunde. Okay, das schaffst du auch noch – sei stark! In der ersten Reihe entdecke ich inmitten der Zuschauer die Soffleuse. Da – jetzt schlägt sie die Seite auf, auf der nur ganz wenig Text steht! Das Ende des Stückes naht? Nein, leider nur das Ende einer Szene.
Nach nur wenigen, aber dennoch qualvollen Minuten ist es dann soweit: Ein hauptstadtlicher Theaterkulturabend neigt sich dem Ende. Nachdem nun auch die Damen und Herren aus der dritten Reihe die Akteure zum vierten Mal via Applaus auf die Bühne beordert hatten, freuen sich nun alle auf den Theatersport Nummer eins: Garderobeanstehen!!!