Foto: Bonito, SAT 1
Es war Anfang Dezember 2003, ein Montag, als sich Harald Schmidt vor sein Team stellte und bekanntgab, dass es das war. Aus und vorbei, es werde vorerst keine Harald-Schmidt-Show mehr geben.
Zeitgleich gings in die Ticker, ich erfuhr es beim Frühstück von meinem Ex-Mitbewohner: „Ey Poschi, die setzen Deinen Harald ab!“, grinste er besserwisserisch im Vorbeigehen. Damals war ich Hardcore-Fan, tuckerte am Tag drauf mit meinem alten, rostigen Golf II nach Köln, sah mir völlig erkältet zwei Shows an, ließ auch ein Foto von uns Beiden schießen. Romantik!
Reichlich acht Jahre danach stehe ich wieder vor dem Studio in Köln-Mühlheim. Schanzenstraße, Studio 449 – an der Zufahrt wird gebaut, da geht’s mit dem Auto nicht rein, ansonsten hat sich nichts verändert. Die SAT-Fahnen wehen, ein großer Banner zeigt übergroß, was hier gespielt wird. Schmidt. Harald Schmidt. Endlich kuschelt er wieder.
Der Wartebereich drinnen wurde etwas umgebaut – der Merchandising-Stand ist weg (Katastrophe!) und bis auf zwei, drei Poster gibt’s von Schmidt nicht viel zu sehen. Dafür gibt’s Kölsch. Die Gäste könnten unterschiedlicher nicht sein: Vom Professor, der sich eilen muss, damit er es danach noch in die Oper schafft – bis zur Schulklasse 16-Jähriger aus Potsdam, die ihren Ausflug in Schmidts Studio später noch bereuen werden. Alles dabei, ein echter Querschnitt. Ja - und Grönemeyer-Fans (Fanclub-T-Shirts), denn der Gute ist heute Abend zu Gast.
Eine halbe Stunde vor dem Aufzeichnungsbeginn geht’s dann ins Studio. Handys sind nicht geduldet (nicht nur aus müssen sie sein, sondern in der Garderobe!), Taschen, Jacken – nix da, alles bleibt draußen. Eingewiesen wird man nicht, jeder hat eine Platzkarte mit Reihe und Nummer. Gibt’s auch immer seltener im Fernsehen, ein Sitzplatzplatzierungskonzept gibt es hier nicht.
Dann geht’s zügig weiter. Das Warm-Up startet, Helmut Zerlett kommt als Erster raus, stellt seine Band vor, das Publikum klatscht – auch ohne einen Vorklatscher. Dann geht der Spot auf den Gang neben der Band, in dem steht er nun: Der Einzige, der Late-Night im deutschen Fernsehen kann. Er lässt sich nicht lange feiern, schäkert mit dem Publikum, Witzchen hier, Pointe da – alles sehr nah am Publikum. Noch immer laufen keine Kameras. „Sie kommen aus Hannover? Und was lehren Sie da?“, das Publikum grölt als Schmidt diese Frage an eine blonde Brillenträgerin in Reihe 3 richtet. Sie antwortet, dass sie tatsächlich Lehramt studiere, Schmidt errät auch tatsächlich die Fächerkombination.
Spätestens da hat Schmidt alle. Das Publikum fühlt sich in den Arm genommen und ist nun heiß auf die Show.
Selbst auf dem Klo triffste Stars ...
Es ist fast gleich, was Grönemeyer gleich erzählt oder ob der Stand-Up wieder Grütze ist – der Abend hat sich jetzt schon gelohnt!
Dann geht’s auch sehr schnell und Helmut Zerlett spielt das Intro (Pointe vorab von Schmidt: „So, wir starten jetzt das Playback – Helmut leg die Hände auf die Tasten!“), die Show startet, läuft routiniert durch. Am Ende gibt’s noch mal einige warme Worte und eine ehrlich wirkende Verabschiedung.
Ich nehm’ Harald in dem Moment ab, dass er sich wirklich freut, wenn ich irgendwann mal wieder hier zur Aufzeichnung komme. Ich und die anderen 249 im Saal. Auch wenns ihm eigentlich egal ist, es gibt dem Publikum ein gutes Gefühl.
Dass das auch anders geht, erlebe ich am Tag drauf bei Stern-TV. Auch da bin ich Zuschauer, habe ganz spontan angerufen und noch Tickets bekommen. Schmidt gibt’s für 8, SternTV für 12 Euro. RTL ist teurer, dafür gibt’s aber ein Freigetränk (alkoholfrei) und das tolle Stadtpanorama von Hürth obendrein. Wer gerne alte, verlassene und zerfallene Fabrikhallen fotografiert, der wird diesen Ort lieben. Unfassbar, wie es dort aussieht. Und da schimpfen manche über den Osten. Von den Autobahnen rund um Köln will ich mal gar nicht anfangen.
Weil ich mit einer sehr attraktiven, jungen Dame meine Tickets abhole, kriegen wir ein „A“ auf den Tickets vermerkt. Damit dürfen wir eher rein und sind was ganz Besonderes. Ansonsten versprüht der Wartebereich wenig Charme, sieht eher aus wie in einer Kantine der Capitol-Versicherung. Vorfreude auf die Sendung? Nö! Gibt keinen Grund.
Im Studio setzt man uns Beide dann tatsächlich in die erste Reihe und dann beobachten wir, wie genau das Sitzplatzplatzierungskonzept greift. Weniger schönere, dicke Menschen werden gebeten, sich oben links in der Ecke zu verstecken, die anderen dürfen etwas weiter nach vorne.
Jung, hübsch – 1. Reihe. Ab Mitte 30 geht’s dann schon eine Reihe weiter hinter. Kariertes Hemd? Forget it! Das mögen die Kameras nicht, mit dem Outfit geht’s auch zu den Plätzen, die nie im Bild sein werden. (Danke nochmals an meine Begleitung ...)
Ein Warm-Up gibt’s an dem Abend nicht, es musste noch dringend was geprobt werden und somit nur schnell eine Anweisung: Sitzen bleiben! Und: Bisher musste in 100 Jahren SternTV-Geschichte nie ein Gast während der Live-Sendung aufs Klo - „dann wird das heute also auch nicht passieren!“ Warme Worte.
Der Moderator Steffen Hallaschka kommt ins Studio und schafft es binnen zehn Sekunden die Stimmung zu bessern. Ein cooler Typ, der ohne Prompter auskommt und auch mal in den Werbepausen – kurz bevor der nächste Beitrag kommt – fragt, was „wir denn jetzt eigentlich machen“. Dann holt er völlig entspannt seine Moderationskarten (es würde keinen wundern, wenn er zwischendurch Aktien kauft oder kurz mal daheim anruft ...), schaut kurz drauf und schon geht das Rotlicht an und er bringt jeden Satz so geschliffen rüber, als würde er es ablesen. Tut er aber nicht.
Vom Vorklatscher bekommen wir beim Rausgehen dann die neuste Ausgabe vom „Stern“ geschenkt. „Den gibt’s erst morgen im Handel!“ – Uuuuhhh ... ehrlich, der BMW, der zehn Minuten später draußen auf dem Studioparkplatz an einem Bordstein mit ordentlich Wucht aufsetzt, ist spannender (und unterhaltsamer).
Unbezahlbar!
Auf dem Heinweg reden wir nicht über sternTV, Schmidt hat sich ins Gedächtnis gebrannt. Wenige Tage später war er übrigens in Leipzig bei einer großen Tagung. Dann sind wir wohl jetzt wieder dran und fahren bald wieder nach Köln.
Freundschaften soll man doch pflegen, oder?