Ein spontaner Kurzurlaub musste mal wieder sein. Wenn die Akkus schnell und effizient wieder auf Duracell-Niveau geladen werden sollen, dann gibt es nur einen Ort, der das erfüllt: Die Nordsee. Ab ans Meer. Ab in den Norden! Ich brauchte einige Tage frei, Cheffe genehmigte, Bruder gab Auto, bester Freund 7elix wollte auch mit. Kurz: Es schien perfekt.
Wir relaxten und übernachteten direkt am Meer, fuhren durch kleine Häfen und klönten mit Eingeborenen („Moin Moin"). Hinter dem pittoresken Büsum passiert es dann: Kühlwasser fehlt. Wir füllen auf, die Anzeige leuchtet kurze Zeit später erneut. In Husum landen wir dann bei einem VW-Händler. Meister F. (Diskretion!) nimmt sich unser an.
Ich will die Geschichte kurz machen: Wir mussten in Husum übernachten, der Schaden am Auto war doch größer als zunächst angenommen.
In der Touristeninformation fragen wir nach einer bezahlbaren Herberge. Dort zuckt man die Schultern. „Jetzt gerade heute findet eine wichtige Tagung in Husum statt, es ist kaum was frei". Angebote um die 100 Euro pro Nacht ignorieren 7elix und ich einfach. „Es gäbe da noch eine Möglichkeit", runzelt Touristen-Sabine die Stirn.
Wäre das ganze ein Film (und glauben Sie mir, lieber Leser, es ist Filmreif!), dann würden Sie mich jetzt in einem Linienbus sitzen sehen. Mein Gesicht. Mein genervtes Gesicht. Eine Buchungsbestätigung in der Hand. Mir gegenüber 7elix. Auch seine Gesichtszüge sprechen nicht gerade für Euphorie.
Dann würde ein Kameraschwenk zum Busfahrer folgen. Er ist alt, richtig alt. Ich schätze ihn ungelogen auf 80. Er trägt Heino-Haar gepaart mit einer Stevie-Wonder-Sonnenbrille. Mir geht während der Fahrt immer wieder der gleiche Gedanke durch den Kopf: Sicherlich gehört dem Busfahrer die Linie! Es ist seine. Und er hat sie gleich nach der Erfindung des Rades eingeweiht. Und zwar genau mit diesem Bus!!!
Neben uns setzen sich einige Fahrgäste, die mit Sicherheit bei der damaligen Eröffnung dieser Buslinie auch schon dabei gewesen sein müssen. Heute haben sie allerdings ihr Hörgerät vergessen. So erfährt der ganze Bus die tragische Geschichte über Polypen im Ohr, die bei Dame A immer wieder wuchern, Dame B nickt verständnisvoll. Ich kann nicht mehr.
Wir kommen an. Mit Gepäck erreichen wir unsere Unterkunft. Es ist kein Hotel – irgendwie schon, aber irgendwie auch nicht. Eine Pension auch nicht wirklich, ach bringen wir es auf den Punkt: Es ist ein Altenheim, ein Seniorenstift.
„Sie wohnen in einem abgegrenzten Bereich, also keine Sorge", lächelt uns das Personal an. Sie müssen unsere Angst förmlich gerochen haben. So ganz unbegründet war unsere Senioren-Phobie auch nicht. Auf einer Bank vor dem Seniorenheim wurde einer Bewohnerin gerade eine Spritze in den Bauch verabreicht. Na dann, herzlich Willkommen!!!
Die Nacht verlief ruhig. Man hörte nichts. Ich konnte wenig schlafen, da ich immer bereits an das Frühstück
denken muss: Ob wir auch so einen Brei bekommen? Ob man auch ins Zimmer kommt und uns behandelt wie Senioren: Soooo, ja na schauen Sie mal, was wir hier haben … mmmmmhhh … schön aufessen
...!"
Am morgen werde ich wach, weil ich eine Stimme höre: „Schweeester?!" – kurze Pause – „Schweeeeeester!" … dieses leise Gerufe wiederholt sich einige Male, bis die Dame selbst aufsteht und eine Schweeeester aufsucht. Am Morgen gibt es ein leckeres Frühstück – gesund und reichlich. Alle Sorgen waren umsonst …
Was für ein Trip. Jemand sagte mir im Nachhinein: Was willst Du denn? So ein Urlaub ist doch viel besser als so ein geplantes Pauschal-Dingens!". Recht hat er. Diese wahre Geschichte lässt sich zumindest viel besser erzählen, als: „Wir waren am Strand, aber haben uns natürlich auch die Kultur des Landes angesehen …"
Ja ne, is klar …