Originaltitel: The Reader
Herstellungsland: D / USA 2008
Länge: 124 min.
Regie: Stephen Daldry
Buch: Bernhard Schlink (Vorlage), David Hare (Drehbuch)
Kamera: Roger Deakins
Darsteller: Ralph Fiennes, David Kross, Kate Winslet, Hannah Herzsprung, Bruno Ganz, Karoline Herfurth, Burghart Klaußner, Lena Olin, Alexandra Maria Lara
DAS Bild des Films: Winslet & Kross ##Fotos: Kinoveranstalter##
Auf dem Nachhauseweg von der Schule landet der junge Michael Berg (David Kross) zufällig bei der doppelt so alten Schaffnerin Hanna Schmitz (Kate Winslet). Aus dem ungleichen Gefüge entsteht eine symbiotische Beziehung: Hanna weiht Michael in die hohe Kunst der Liebe ein und Michael liest ihr aus klassischen Werken vor.
Doch Hanna birgt ein dunkles Geheimnis in sich und mit ihrem plötzlichen Verschwinden wird sie Michaels Leben nachhaltig beeinflussen, wie sich im weiteren Verlauf der Handlung herausstellen wird ...
Das Filmplakat
Der Bielefelder Autor und Professor für Rechtswissenschaften Bernhard Schlink veröffentlichte 1995 seinen Roman „Der Vorleser" und heimste damit nicht nur Lorbeeren ein.
Obwohl sein Buch vom Großteil der Kritik hoch gelobt wurde, ist Schlink unter anderem die Verharmlosung der NS-Verbrechen vorgeworfen worden.
„Der Vorleser", der ernste Themen wie die Judenvernichtung, Analphabetismus und stark ungleichaltrige Beziehungen behandelt, wurde in 39 Sprachen übersetzt und ist der erste deutsche Roman, der es auf Platz 1 der Bestsellerliste der New York Times schafft.
Die filmische Umsetzung von Schlinks Roman stand unter keinem guten Stern:
Zunächst war die australische Schauspielerin Nicole Kidman für die Hauptrolle vorgesehen, mit der Regisseur Stephen Daldry bereits in „The Hours" erfolgreich zusammengearbeitet hat. Sie sagte kurzerhand wegen ihrer Schwangerschaft ab - die Britin Kate Winslet ersetzt Kidman.
Legenden in der Geschichte der Regie: Sydney Pollack & Anthony Minghella
Außerdem warf Produzent Scott Rudin (Die Truman Show, Die Queen, No Country for Old Men) das Handtuch - kein Wunder bei 15 (!!!) weiteren angekündigten Projekten.
Am tragischsten aber ist, dass die beiden weltbekannten Regisseure Anthony Minghella (Der Englische Patient, Der talentierte Mr. Ripley, Unterwegs nach Cold Mountain) und Sydney Pollack (Die Drei Tage des Condor, Jenseits von Afrika, Die Dolmetscherin) während der Dreharbeiten verstarben. Sie waren als Produzenten am Film beteiligt.
Anfangs dachte ich noch, dass der 18-jährige deutsche David Kross (Knallhart, Krabat) nie mit der großen Kate Winslet (Heavenly Creatures, Das Leben des David Gale) harmonieren könnte.
Doch beide haben mich eines Besseren belehrt: Winslet legt nicht den Seelenstriptease wie in „Revolutionary Road" hin, gibt sich dafür aber körperlich entblößt, emotional unterkühlt und geheimnisvoll.
Die Darbietung von David Kross kann ich indes nicht vergleichen, weil es mein erster Film ist, den ich mit ihm sehe. Jedoch kann ich sagen, dass alle Emotionen seiner Figur Michael Berg bei ihm spürbar sind: Die anfängliche Beflügelung durch die Affäre mit Hanna und die daraus entstehende chronische Unsicherheit, die Ralph Fiennes als erwachsener Michael Berg intensiv weiterführt.
Schauspieler David Kross
Stephen Daldry („Billy Elliot") beweist einmal mehr sein Gespür für große Gefühle und das Können sein Ensemble zu schauspielerischen Höchstleistungen zu treiben.
Wie schon in seinem zweiten abendfüllenden Film „The Hours", ist auch „Der Vorleser" in drei Handlungsebenen unterteilt, die sich zum Ende hin zusammenfügen, wenn auch nicht ganz so meisterhaft.
Positiv fällt aber auf, dass Daldry auf eine klassische gut-böse Darstellung der Figuren verzichtet und dadurch eine Identifizierung mit den Hauptpersonen ermöglicht. Und selbstverständlich wird hier nichts verharmlost: Hanna Schmitz bekommt ihre gerechte Strafe für ihre Taten.
Kate Winslet
Nach „The International" ist „The Reader" bereits der zweite internationale Film innerhalb kürzester Zeit, der in den Babelsberger Filmstudios und Umgebung entstand. Das ist nicht nur gut für die deutsche Filmindustrie, sondern verleiht dem Film seinen ganz besonderen Charme.
Mich hat es jedenfalls immer wieder zum Schmunzeln gebracht, wenn ich die Berliner Straßenbahn aus der Nachkriegszeit oder die kleinen schmutzigen Gassen und die alten Hinterhofstüren wiederentdeckt habe. Nebenbei bemerkt kann „Der Vorleser" mit einem der schönsten Plakate seit langem aufwarten.
Fazit: Eine überraschend vielschichtige deutsch-amerikanische Umsetzung eines Bestsellers ohne dabei den Zeigefinger zu erheben.
März 2009
007elix gibt dem Streifen 5 von 7 Siebenen